19.04.2023
Die Dichterin Dorothee Neserke-de la Haye gehört zu jenen Menschen, die Außenstehende kaum in einem ärmlichen Stadtteil erwartet hätten. Eine etwas lakonische Dame mit Manieren und einem Hang ins Melancholische. Beim Soldiner Kiez e.V. traf Sie auf Ilia Kitup, der in seinem Propellerverlag nun von der Lyrikerin einen Band mit Geschichten herausgibt.
Aus diesem Anlass erinnern wir an unsere 2019 verstorbene Vereinsfreundin. Sie hat trotz ihres dunklen Tons mit ihrem kraftvollen und dynamischen Stil einen festen Platz bei den notorischen Berliner Literaten erobert. Sie war glücklich und lächelte, wenn sie sich ohne Hast über das Leben und die Literatur unterhalten konnte. Für diesen Abend wollen wir ihr folgen.
Lesung: In Memoriam Dorothee Neserke-de la Haye (1944 – 2019)
Am 19. April 2023 ab 19:00 Uhr
im Prima Center Berlin
Am 10. September 2019 starb unsere ehemalige Mitstreiterin Dorothee Neserke-de la Haye. Sie wurde in aller Stille auf dem Elisabeth-II-Friedhof im Soldiner Kiez beigesetzt. Nach Marseille, Frankfurt/Main und Brüssel war die gebürtige Hermsdorferin nach Berlin zurückgekehrt und lebte dann lange im Soldiner Kiez, zuletzt im Seniorendomizil an der Panke.
Uns war Dorothee als Lyrikerin und als kritische Begleiterin unserer Kulturarbeit im FORUM Soldiner Kiez gut bekannt. Dabei war sie ebenso einfühlsam und hilfsbereit wie streitbar. Sie engagierte sich außerdem im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und in der Neuen Gesellschaft für Literatur (NGL). Unter anderem richtete sie im Rahmen der Berliner Festspiele im Literarischen Colloquium Berlin mehrere Lesungen aus. 1994 veröffentlichte sie den Lyrikband „Zartbitter und Ein Märchen“ im Aphaia Verlag. Im Jahr 2000 nahm sie am internationalen Lyrikfestival „Die Abende der Poesie“ in Struga, Nordmazedonien teil.
Dorothee wurde 1944 geboren. Ihr Vater starb früh, die Bildungsmöglichkeiten waren für die Tochter einer alleinerziehenden Arbeiterin beschränkt. Nach einer Scheidung zog sie ihren Sohn Alban ebenfalls alleine groß. In ihren Vierzigern brach eine manisch-depressive Erkrankung aus. Ihr Lebensende war aufgrund einer Demenz davon gekennzeichnet, dass ihr die Sprache entglitt. Sie konnte sich immer weniger verständlich machen. Erst stellte sie das Schreiben ein und schließlich nach und nach das Sprechen.
In diesem schwierigen Leben behielt Dorothee ihren Eigensinn, ihre Würde und ihr Interesse an ihren Mitmenschen. Wir konnten ihren Ansprüchen nicht immer genügen, aber wir vermissen sie.
Text: Thomas Kilian (Soldiner Kiez e. V.), Ergänzungen: Paula Balov